Im zweiten Gang zum Führerschein.

Es war so weit, der 13. Oktober, meine praktische Fahrprüfung. Sogar in meinen Träumen war ich der Herausforderung begegnet, die mir an diesem Tag bevorstand. Am Morgen des 13. Oktobers musste ich nämlich feststellen, in der Nacht von der Prüfung geträumt zu haben.

Doch nicht nur in meinem tiefen Schlaf (ich hatte komischerweise gut geschlafen)  hatte mich die Fahrprüfung, die ich mit einem teilen Berg, oder viel eher mit dem Mount Everest verglich geplagt, sondern auch am Abend davor, an dem ich das Gefühl hatte, innerlich aufgefressen zu werden. Meinen Abend hatten Magenkrämpfe und frühzeitige Nervosität geprägt.

Um zehn Uhr trafen wir uns vor der Fahrschule. Bis zur Prüfung waren es noch 1-2 Stunden, aber wir, Daniel und ich, wollten uns schon früher von Heike plagen lassen. Qualvolle Stunden mussten wir ertragen, in denen wir aus reiner Nervosität Heike neue Fahrweisen präsentierten. Wie denn auch sei, Heike kennt die Situation ihrer Prüflinge gut genug, um ihr zappeliges Verhalten mit viel Verständnis und ein paar hilfreichen Ratschlägen zu erwidern. Hin und wieder machten wir beim TÜV Halt und starteten erneut in die Verkehrswelt der erfahrenen Autofahrer. Langsam wurde es ernst, denn der Stundenzeiger neigte sich immer deutlicher in Richtung Ziffer Zwölf. Als ich im Auto saß, Heike auf dem Beifahrersitz und der Prüfer hinter uns die Regeln erklärend, stellte ich fest, dass ich am Vorabend viel angespannter war als jetzt, Sekunden vor Prüfungsbeginn. "Sie erfinden bitte nichts Neues und fahren so, wie sie es gelernt haben. Wenn nichts gesagt wird fahren sie geradeaus.", drang die Stimme des Prüfers nach vorne zu mir. Er machte einen etwas strengen Eindruck, aber es sollte sich alles anders erweisen. Ich fuhr als erste, Daniel wartete währenddessen. Wir verließen den Parkplatz und wie ich es schon geahnt hatte sagte der Prüfer: "Wir biegen vorne rechts ab." Die Richtung verriet alles! Ich wusste, dass ich auf der Schnellstraße fahren würde. Diese Feststellung verunsicherte mich. Ich vergas vor dem Abbiegen in die Beschleunigungsspur zu Blinken, aber durch die wiederholte Fahrtrichtungsansage des Prüfers wurde ich daran erinnert. Heike hatte mir oft gesagt, dass auf der Beschleunigungsspur im dritten Gang zu beschleunigen ist, aber ich brach wieder alle Regeln und vergaß nach der Kurve hoch zu schalten. Das Gaspedal tritt ich bis zum Boden durch. Wenn ich doch nur das verzweifelte Schreien des Einser BMWs wahrgenommen hätte, doch seelenruhig fuhr ich weiter, mit der Überzeugung richtig zu handeln. Immer noch das Gaspedal durchgedrückt, des Motors Hilfeschreie ignorierend fuhr ich, den Verkehr genau beobachtend, auf die Schnellstraße. Ich legte meine Hand auf den Schalthebel und drückte die Kupplung durch, doch da stimmte  etwas nicht. Erst in diesem Moment bemerkte ich meinen Fehler und mir huschte ein "Hups, war ja gar nicht der dritte Gang." raus. Leicht müssen sich meine Mundwinkel nach oben bewegt haben, denn wäre das keine Prüfung gewesen, hätte ich lauthals losgelacht und womöglich noch einen Unfall gebaut. Mit 120 km/h fahrend, hätte ich schon längst in den sechsten Gang schalten sollen, aber ich ließ mir Zeit und fuhr dazu noch alle Gänge einzeln durch, sodass der Prüfer es nicht vermeiden konnte, seinen Senf dazu zu geben. "Ist das denn nur ein 4-Gang BMW?“ Ständig schaute ich in den Rück- und Außenspiegel, um den rückwärtigen Verkehr zu beobachten. Trotz meinen Patzern wollte ich einen guten Eindruck beim Prüfer hinterlassen. Na ja, einen weiteren kleinen Fehler muss ich gestehen. Wir fuhren immer noch Richtung Lorch. Wegen einer Baustelle war weit vorne die rechte Spur verengt worden. Unübersehbar große, leuchtende Hinweistafeln forderten auf, den Fahrstreifen zu wechseln, aber ich fuhr weiter. Nein, ich habe nicht vor der Absperrung angehalten, eine Verkehrschaotin schlimmsten Grades bin ich auch nicht. Ich habe nur im letzten Moment gewechselt. Ob ich die Einzige auf der rechten Spur war, kann ich nicht sagen, es ist aber gut vorstellbar.

In Lorch drehten wir um und "Gott sei Dank" hatte die Baustelle einen Stau verursacht. Das Wetter war übrigens sehr schön. Ein strahlend blauer Himmel und spätsommerliche Temperaturen. "Das ist doch schon mal eine gute Vorraussetzung für die Prüfung." hatte Heike mehrmals erwähnt. Zurück auf die Schnellstraße! Im Schneckentempo schritten wir voran. Heike unterhielt sich mit dem Prüfer über "selbstgepflückte Erdbeeren im Müsli". Erneut umspielte  ein Lächeln meine Mundwinkel, aber ich durfte den Ernst der Sache nicht vergessen, denn immerhin hatte ich vor der Prüfung absolutes Redeverbot von Heike bekommen. Antworten durfte ich nur, wenn mich der Prüfer etwas fragte.Mal ganz ehrlich: einerseits wunderte mich die Tatsache, dass der Prüfer noch nicht "Umkehren! Sie dürfen noch ein paar Fahrstunden nehmen." (nur eine Variante der Verkündung des Nichtbestehens) gesagt hatte, doch andererseits wollte ich keinen weiteren Gedanken daran verschwenden. Die Bilanz: Ich war froh, dass meine peinlichen Patzer noch nicht Grund genug waren durchzufallen.

Glücklicherweise bemerkte ich, dass der linke Fahrstreifen auf der in Schrittgeschwindigkeit befahrenen Schnellstraße endete und wie es jedem Fahrschüler beigebracht wird, durfte auch bei mir der Schulterblick nicht fehlen. Mit etwa sieben km/h fahrend schaffte ich es erfolgreich den Kopf nach hinten zu drehen. Als sich der Stau langsam wieder lockerte, waren wir schon beinahe eine halbe Stunde unterwegs gewesen. Endlich waren wir wieder in der Stadt. Und was fiel vor? War das ohrenbetäubende Martinshorn zu überhören? Unmöglich! So musste ich fast in der Mitte einer Kreuzung anhalten, um dem Notarzt Vorfahrt zu gewähren. Ich wollte nicht auch noch die Lebensretter  an ihrer Mission hindern. Minuten später stand ich vor der roten Ampel am Bahnhof Richtung Stuttgart. Meine zwei Begleiter diskutierten wieder ein ungewöhnliches Thema aus. Die Hauptstraße an dieser Stelle verläuft nach links, geradeaus geht''s zum Bahnhof. Der Prüfer hatte vergessen die Fahrtrichtung anzusagen und ich erinnerte mich an seine Worte vor Prüfungsbeginn. So beschloss ich in den Bahnhof  zu fahren, obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, das dies seine Absicht war. "Sie fahren jetzt ja gerade aus.", bemerkte er. "Von Ihnen kam ja nichts und ich soll doch nichts Neues erfinden.", antwortete ich ihm. Heike fing an zu lachen. Vom Bahnhof fuhren wir wieder zurück zum TÜV. Das Auto stand still, Daniel wartete noch draußen. Ich war eine halbe Ewigkeit gefahren und wollte endlich dieses überaus wichtige Kärtchen, das sich Führerschein nennt, in den Händen halten. Ich durchlebte meine letzten paar Minuten als Fahrschülerin mit Heike an meiner Seite. Währendessen reimte sich der Prüfer das Ergebnis zusammen und verkündete: "Frau Albayrak, Sie haben bestanden, aber das auf der Schnellstraße war unter aller Kanone!" Ich behaupte ja auch nicht, perfekt gefahren zu sein. Aber immerhin hatte ich Heike und den Prüfer länger als eine halbe Stunde in der Gegend rumkutschiert, ohne ihre Lebensexistenz zu gefährden. Die kleinen Patzer werden hoffentlich bald vergessen sein und am Ende war''s doch nicht so schlimm, wie ich anfangs dachte. Vielleicht waren es doch Heike''s Bachblütentropfen, die meine Nervosität verschwinden ließen. All meine Aufregung, der Traum und die Magenkrämpfe am Vorabend hätten mir auch erspart bleiben können, denn letztendlich herrschte im Auto während der Prüfung gute Stimmung, was mich sehr beruhigte. Trotz meiner Ungeschicklichkeiten in Richtung Lorch hatte die Schnellstraße auch seinen Vorteil, denn im Stau ging ziemlich viel Zeit drauf und ich darf jetzt offiziell für Chaos auf den Straßen sorgen.